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2008-10-14

"Lioba Zeplins Erschrecken macht einen beachtlichen Bogen um die Wirklichkeit."

Manche Sätze... Ich kann den Blick nicht von ihm nehmen. Noch 10 Zeilen weiter springt mein Auge zurück. Hängenbleiben. Wie an süßem Karamel. Ergriffenheit ist ein passendes Wort. Bewunderung ein anderes. Inspiration ist auch dabei. Verstehen ist eines, das nicht in den Kontext des Buches passen will, wohl aber in den Kontext meines Lebens. Im Nachspüren dieser Worte dort oben, bleibt mir der Einfachheit halber nur folgendes zu sagen: Koenigs Kinder. Kathrin Schmidt.

2008-09-19

Namensfragen.

Es gibt da diesen Namen, bestehend aus Vorname und Familienname, den ein jedes Staatskind in seinem Staatsdokumenten stehen hat, und sei es auf der Geburtsurkunde. Mit Aufkommen von Internet, web2.0 und all den socializing tools gingen viele dahin und wählten sich einen weiteren Namen, unter dem sie nun in der Netzöffentlichkeit präsent sind.

Nun ergab es sich im Laufe der Zeit, dass (aus der Perspektive des Netzpseudonyms?) der Staatsdokumentenname die Bezeichnung "Klarname" erhielt. Wiesoweshalbwarum? Auf diese Frage habe ich nicht wirklich eine Antwort. Ich weiß einzig die Bedeutung, dass es eben der Name auf dem Perso ist. Aber so richtig Sinn macht das mit dem "Klarnamen" nicht für mich. Schließlich steht mein Pseudonym ja auch klar lesbar hier überall rum. Man stelle sich nur mal vor: "**** ****** und ihr leben". Das wäre ja ein heilloses Kuddelmuddel, wenn mehr als 3 Leute im Netz aufeinander treffen. "Hey 4Stern-Leerzeichen-6Stern. Hab grad von 8Stern gehört, dass 4Stern-Unterstrich-3Stern morgen auch dabei ist." Neeneenee.
Aber ich will mal nicht so sein. Eine Erklärung bzw. Motivation für die Kreation "Klarname" kann ich mir durchaus zusammenreimen. Das Wort "Pseudonym" enthält in seiner Bedeutung, dass der zugehörige Mensch seinen Staatsdokumentennamen verdeckt halten möchte. So, wie eben auch die Sternchen all unsere Passwörter bei der Eingabe verdecken. Werden bei der Passworteingabe die Zeichen nicht durch Sternchen (oder Punkt) verdeckt, erscheinen sie in Klarschrift. Da ist der Weg zum "Klarnamen" dann auch nicht mehr so weit. Aber unbefriedigend bleibt er als Bezeichnung dennoch irgendwie...

Nicht viel anders verhält es sich für mein Gefühl mit dem "Realnamen". Das Woher ist schnell geklärt. Es gibt die gängige Unterscheidung zwischen dem virtuellen Leben und dem Realleben. Was dem virtuellen Treiben sein Pseudonym oder Nickname ist, ist dem echten Leben sein Realname.
Mein Problem hier: Wo ist die Grenze zwischen virtuellem und realem Leben? Wenn ich blogge, twittere, skype usw., dann ist das höchst real für mich. Nun will ich keineswegs bestreiten, dass die Leiblichkeit der körperlichen Anwesenheit einen Unterschied im sozialen Miteinander macht. Macht sie nämlich definitiv. Allein die Möglichkeit, Mimik und Gestik in ihren Nuancen in die Kommunikation miteinzubeziehen, hat einen eminenten Einfluss auf die Entwicklung eines Gesprächs. Aber ist die Kommunikation via Bits'n'Bytes darum irrealer? Nein, nur anders. Real bleibt sie nach wie vor. Schließlich ist die Hardware, auf der das alles stattfindet, ja auch physikalisch vorhanden.

Dann hätten wir da noch den Bürgerlichen Namen. Als Alternative für den Namen, den uns unsere Eltern aufgedrückt haben, ist er aber auch eher unbefriedigend. Ich muss hier immer an Kritik aus dem Lager der Linken denken - am Bürgertum und am staatspolitischen Bürgerbegriff und den Auswirkungen auf Erwünschtheit im Lande.

Damit hätten wir dann also 3 Bezeichnungen: Klarname, Realname, Bürgerliche Name. Alle drei sind doof. Alternativen fallen mir jetzt auch nicht aus dem Zuckerhut. Bleibt's also erstmal beim Gemecker.

2008-08-21

und einige häuser sind mir lieber als andere

Eine Unterhaltung auf Twitter trägt sich derzeit zu, die es mir mittlerweile unmöglich macht, sie in 140 Zeichen weiterzuführen. Auf meine Aussage "beginne, die kommunikation per mobiltelefon als veraltet und umständlich zu verabscheuen." erhielt ich folgende Antwort von @mathematikos: "die sprache ist das haus des seins (heidegger)#schrägsinn".

Mir gefiel und gefällt der Satz Heideggers. Bringt er doch ganz wunderbar mein derzeitiges Erleben von Sprache und den Kanälen, in denen ich sie kommuniziere, zum Ausdruck. Doch halt! "Sprache und Kanäle, in denen"? 2 getrennte Dinge? Nee, irgendwie nich. Der Kanal Twitter zum Beispiel, mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen, bringt neue Erscheinungsformen von Sprache mit sich. Der durch das Rautezeichen gesetzte (Eigen-)Kommentar ist eine Einordnung der soeben getätigten Äußerung auf einer Metaebene - ein Kommentar eben. Typographisch ist er immer noch der Äußerung nebengestellt. Aber der Kommentar kommt in neuem Gewand daher. Das Anzeigefeld bei Twitter benötigt eine Abgrenzung mit einem Sonderzeichen. Der klassische Text im Seitenrand oder gar auf den hinteren Seiten eines Buches ist nicht mehr möglich. Hinzu kommt eine zweite Verwendungsweise der Raute, nämlich die der Marginalie. Das ist in einem Buch eine Art Zusammenfassung oder ein Oberbegriff o.ä., das im Seitenrand neben dem Absatz steht und damit den Gesamttext leichter erfassbar machen soll. Sehr beliebt ist dies in u.a. Schulbüchern. Auf ihre Weise ist auch die Marginalie ein Kommentar, wenn auch eher ein zusammenfassender. In Twitter hat sich mit dem Rautenzeichen eine neue Form der Kommentierung entwickelt. Zynisch-ironische Kommentare bspw. werden hierüber verschriftlicht, wie sie bislang in dieser Kürze nur über die Mimik und den Tonfall des Sprechenden erkenn- und verstehbar war. Eine andere, zusammengewürfelte Sprache ist entstanden.

Zurück zu "die sprache ist das haus des seins". Das Haus ist Twitter, die Sprache sind die Zeichen, die wir dort verwenden und das Sein... äh ja... ist halt das Sein. Worauf ich hinauswill, ist nicht der Kommentar "#schrägsinn". Den habe ich in der Verwendung bei mathematikos bislang noch nicht so ganz durchschaut. Was aber auch egal ist, denn es geht mir um "die sprache" und "das haus". Twitter, Skype, Email, Mobiltelefon. Das sind viele Häuser, in denen sich viele Sprachen tummeln (für die Literaturtheoretiker und Linguisten: Sprache im Sinne von parole). Jeder dieser Kommunikationskanäle hat seine Besonderheiten, seine pragmatischen Vor- und Nachteile in der eigenen Lebens- und Arbeitsgestaltung. Pragmatische Bedeutungsteile gehören ebenso zum Sprachsystem (im Sinne von langue) wie die eigentliche Wortbedeutung. Daraus ergibt sich, dass es im Gebrauch nicht die eine Sprache und viele Häuser gibt, sondern viele Sprachen (im Sinne von parole) und viele Häuser und dabei greifen Sprache (parole) und Haus immer ineinander. Und darum gilt: "einige häuser sind mir lieber als andere".

2008-07-30

Ein Literaturwissenschaftler tut, was ein Literaturwissenschaftler tun muss.

Den Kritiker in sich rauslassen nämlich. Bestes Erprobungsobjekt: man selbst.

Alles weitere bei Twitkrit und dem "Selbstgespräch eines Knotenpunkts im Zeichengewebe".

An dieser Stelle geht ein herzliches Dankeschön an bjoerngrau für sein Lektorat sowie an das gesamte Twitkrit-Team für die Veröffentlichungsmöglichkeit.

2008-07-04

"Der Blog" und der Weg der Menschen dorthin.

Es lodert ein kleines Feuerchen in Blogdorf. Nicht stark, es ist mehr so ein Schwelbrand, der gelegentlich ein paar Flammen züngeln lässt. Das Feuerchen lodert bei den Verfechtern der grammatikalischen Neutralität des Mediums, in dem wir uns alle hier tummeln. "Blog" hat seine etymologischen Wurzeln im Weblog, welches wiederum in Anlehnung an das Logbuch der Schiffer entstand. "Logbuch" oder "Log" ist eindeutig sächlich, das "Weblog" ebenso. Nur beim Blog hält sich die Verwendung des maskulinen Artikels standhaft neben dem neutralen. Die Verfechter des Neutrums sagen dann bei Gelegenheit auch gerne, "das Blog" sei falsch.

Dem deskriptiven Linguisten in mir rollen sich ob solcher Sickschen, sprachnörglerischen Urteile kurz die Zehennägel auf. Google's Index wirft für "das Blog" rund 788.000 Ergebnisse aus. Für "der Blog" sind es mit 827.000 Ergebnissen nicht wirklich viele mehr. Wie kann etwas "falsch" sein, was von so vielen Sprechern gebraucht und von noch mehr verstanden wird?

Doch wie kommt es eigentlich, dass "der Blog" überhaupt in den Gebrauch Eingang gefunden hat? Ist es die pure Sprachgeschichtsvergessenheit? Wohl kaum. Die Etymologie ist mittlerweile weitgehend bekannt und dennoch: der Blog lebt.

Die Ursachen liegen - wie so oft - in der Sprache sowie im Sprachgebrauch selbst. Wesentlich häufiger als der direkte Artikel im Nominativ wird "Blog" im Sprachgebrauch mit dekliniertem Artikel ("Das findest du bei XY im Blog.") oder in Sätzen mit Possessivpronomen ("Wie XY in seinem Blog schreibt, ...") verwendet.

Das Deutsche zeigt bei den Flektionsformen des Neutrums nur wenig Individualität im Vergleich zum Maskulinum. In weiten Teilen zeigt es dieselben Formen. Insbesondere der Dativ hat durchgängig die gleichen Formen im Neutrum wie im Maskulinum. "Mein Baum" wird zu "meinem Baum" ("in meinem Baum"), "mein Haus" zu "meinem Haus" ("in meinem Haus"). "Der Baum" wird zu "dem Baum (in dem Baum/ im Baum)", "das Haus" wird zu "dem Haus (in dem Haus/ im Haus)". Beim Verweis auf Inhalte wird durch die häufige Verwendung der Präposition "in" (die den Dativ erfordert) also eine grammatikalische Form verwendet, die per se keinen Rückschluss auf das grammatikalische Geschlecht des Nomens zulässt. Da das Maskulinum trotz aller postmodernen Schriften noch immer das unmarkierte Genus ist und also zuerst gedacht wird (natürlicher erscheint), greift der geneigte Sprecher zum Maskulinum, wenn er/sie/es in den Nominativ wechselt.

Damit verknüpft dürfte auch ein diskursiver/ kultureller Aspekt sein. Blog - im Gegensatz zu Weblog - trägt einen wesentlich schwächeren Verweis auf das Logbuch in sich. Das Logbuch spielt in unserer Gegenwart auf Grund der geringen gesellschaftlichen Relevanz der Schifffahrt (im Vergleich zu Bahn und Flugzeug) eine ebenso seltene Rolle in unserem Sprachgebrauch. Die Assoziationskette Blog-zu-Logbuch drängt sich nicht gerade von selbst auf. Das einsilbige "Blog" erscheint eher als eigenständiger Neologismus als es beim zweisilbigen "Weblog" der Fall ist, weil hier "-log" als Teilwort mit der Pause zwischen dem "b" und dem "l" gesprochen wird. Der/das Blog verliert mit zunehmender sprachlicher Reduktion seine an der Oberfläche materialisierte Geschichte. Auf der anderen Seite aber ist es ein Spiegel der sich verändernden Verwendungsweisen des Mediums "Blog". Der logbuchartige, chronologische Charakter wird im Verlauf der Gewohnheit immer un-präsenter. Das Hinzufügen diverser Widgets mit weiteren Inhalten neben dem zentralen Bloginhalt (den Posts), Unterseiten, magazin-artige Layouts und Strukturen usw. pluralisiert die Blogs, verändert ihren Charakter. Anders gesagt, die Erscheinungen der Blogs verlieren mehr und mehr ihren logbuchartigen Charakter.

[Nachtrag] Mit bestem Dank an Anatol Stefanowitsch aus den Kommentaren gefischt: Ein weiterer sprachlicher Grund für die Verwendung des männlichen Artikels liegt sicher auch in der lautlichen Nähe des "Blogs" zum "Block", die sich mit der Auslautverhärtung im Deutschen ('g' wird zu 'k') noch verstärkt. "Block" ist maskulin und per Analogieschluss ist der Weg zu "der Blog" nicht mehr weit.

[Nachtrag, die Zweite] Im blog.institut1 wurde das Thema nun auch verhandelt. Die Verbindung vom Holzklotz zum Notizblock lässt sich historisch vermutlich nicht so richtig direkt ableiten. Aber die implizierte These, dass "das Blog" und "der Blog" über diverse Umwege denselben Ursprung haben, gefällt mir.

2008-05-23

Sandkastenförmchen deluxe.

Rund 2650 Sprachen. 142 sprachliche Merkmale. Derzeit 5728 zitierte Texte. Der World Atlas of Language ist online gegangen.

Wer schon immer mal wissen wollte, dass die deutsche Gebärdensprache mehr als 5 unregelmäßige Verneinungen kennt und sich damit in guter Gesellschaft befindet (von den 35 untersuchten Gebärdensprachen haben 21 mehr als 5 unregelmäßige Verneinungen), kann sich das alles auf der Karte (auf Basis und mit allen Features von google maps) visualisieren lassen. Oder im zugehörigen Kapitel nachlesen, dessen Literaturangabe per Mausklick vollständig samt Datum des Abrufs verfügbar ist. Oder gleich die Merkmalsdaten im KML- oder XML-Format abrufen. Oder vielleicht doch lieber eine Diskussion zum Merkmal führen und die Kommentarfunktion nutzen. Oder einen Schritt weiter gehen und mehrere Merkmale kombinieren.

Was das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und die Max Planck digital library hier geschaffen haben, ist von unschätzbarem Wert für sprachwissenschaftliche Studien. Schon jetzt lassen sich eine Fülle an sprachlichen Merkmalen im weltweiten Vergleich anzeigen. Neue Studien können leicht eingebunden werden, ohne dass immense Druckkosten die Verbreitung weiteren Wissens einschränken oder gar verhindern. Ich könnte mir auch vorstellen, Sprachen, die aussterben oder bereits ausgestorben sind, optional anzeigen zu lassen und somit Sprachwandel direkt in die Karten einzubinden.

Drauf aufmerksam geworden bin ich über den Bremer Sprachblog. Und ich geh dann mal wieder in den Sandkasten, noch ein wenig spielen.

2008-03-28

language is a bitch.

2008-03-16

Onomatopoetische Interessantheiten

Die Übersetzung mündlicher Kommunikation in schriftliche erfordert die Entwicklung und Verwendung onomatopoetischer Wörter und anderer Zeichen. Der Smilie fürs Lachen. Das "hihi" fürs Kichern. Das "argh" fürs sich ärgern. Das sind so Zeichen, die ich leicht verstehe. Sie entsprechen meinem eigenen Lautgebrauch bzw. dem meines persönlichen Umfeldes. Ich kann sie leicht auf die Schriftsprache übertragen.

In letzter Zeit sind ein paar neue Wörter hinzugekommen, die ich nicht mehr so leicht verstehe. Sie verwirren mich jedes Mal, wenn ich sie irgendwo lese. Dazu gehören:

  • gnihihi als Kichern, bei dem der seitliche Zungenrand an die hinteren, oberen Backenzähne stößt, ist ein Fall permanenter Verwirrung. Ich lese das 'g' immer als stimmhaften, velaren Plosiv, während mein eigener Gebrauch einen stimmlosen, verlaren Plosiv hervorbringt. "knihi" sieht jetzt aber irgendwie auch bescheuert aus.
  • muaaah (in diversen Ausführungen): Das beliebte Schenkelklopfer-"Ui, is der schlecht"-Zeichen. Ich muss hier irgendwie immer an blökende Schafe oder Kühe denken. Und das haben die meisten nun echt nicht verdient.
  • nom nom nom: Name Name Name? Aber hier geht's doch ums Mümmeln von Essbarem? ... Hach ja, Assoziationen können einen manchmal ganz schön aus dem Konzept bringen. Wie gut, dass es den Kontext gibt.
  • gna: Meine erste Assoziation galt Gnarls Barkley, aber ich wusste: Das kann nicht stimmen! Ich erkannte es dann auch recht fix als Ausdruck von Unmut (erneut besten Dank an den Kontext für die Aufklärung). Ich hab es bislang nur einmal gelesen. Ich fürchte jedoch, es wird mich immer wieder aus der Bahn des Lesens werfen.

2008-03-11

Der Autor - wird noch lange leben.

Zumindest so lange, wie Lehrer ihren Schülern beibringen, bei einer Interpretation auch nach der Intention des Autors zu fragen.

Neulich saß ich mit einer Achtklässlerin zusammen. Als Germanistik-Studentin gab ich ihr ein wenig Nachhilfe. Im Deutschunterricht behandeln sie grade Kurzgeschichten, die sie analysieren und interpretieren. Für die Analyse/Interpretation gibt es die folgenden Gliederungspunkte:

  • Thematik des Textes
  • Strukturanalyse
  • sprachliche Mittel
  • Intention des Verfassers

Beim ersten Überfliegen krampfte sich mein Magen ob des letzten Punktes gehörig zusammen. Dann machte ich mich noch auf die Suche nach so etwas wie den zeitgenössischen Lebensumständen bzw. den Lebensbedingungen und dem Weltgeschehen zum Zeitpunkt der Textentstehung. Ich suchte vergeblich.

Hoffnung keimte in mir auf, als wir beim Punkt "Autorintention" ankamen und besagte Achtklässlerin mich verständnislos anstarrte, tief Luft holte und loslegte: "Den Punkt versteh ich nicht! Woher soll ich das denn wissen? Und was soll das überhaupt sein? Pff, total bescheuert!!!"

Ich schmunzelte, zuckte ein wenig ratlos mit den Schultern, verzichtete auf eine ausgedehnte theoriegeschichtliche Herleitung des Problems, verzichtete in Anbetracht ihres Notenspiegels auch auf rebellische "Schreib dazu einfach nix"-Aussagen und versuchte dann, mich in die Denke der Autorfanatiker hineinzuversetzen. Mehr als ein "Geh von der Thematik des Textes aus. Guck, was für Ereignisse stattfinden und ob die Figuren eine Wandlung durchmachen. Frag dich, ob's sowas wie die Moral von der Geschicht' gibt. Irgendwie so kannste dann was zur vermutlichen Autorintention schreiben." kam dann auch nicht aus mir heraus. Am Liebsten wär ich tags darauf mit in die Klasse gegangen, um der Lehrerin gehörig den Marsch zu blasen.

Natürlich ist es realiter so, dass ein Verfasser sich etwas beim Schreiben des Textes denkt und somit eine bestimmte Intention dahinter steckt. Aber wozu die Frage stellen, wenn ich kaum eine Chance auf die Antwort (die Antwort des Autors nämlich) habe? Die Antwort ist reine Spekulation. Abgesehen davon führt sich die Frage im Verlauf der Beantwortung selbst ad absurdum. Denn ich habe nur den Text zur Verfügung. Also arbeite ich mit dem Text. Dann kann ich auch gleich fragen, was im Text steht. Liebe Deutschlehrer, DAS IST SO SCHWER NICHT ZU VERSTEHEN!

manmanman

2008-03-09

Schrift, Text, Sprache und ihre Schreiber und Leser.

Es ist keine Neuigkeit, dass Sprache ein Eigenleben hat. Ein Sprecher (oder ein Schreiber) hat eine Idee, eine Intention, und möchte diese Idee in Worten ausdrücken. Daraus entsteht eine Äußerung, die irgendwann einen Rezipienten, den Hörer oder Leser, erreicht. Dabei können Missverständnisse entstehen. Der Hörer/Leser versteht eine Äußerung anders als sie vom Sprecher/Schreiber gemeint war, legt eine andere Bedeutung in die Worte, nimmt die Äußerung ernster und fühlt sich persönlich angegriffen oder erkennt umgekehrt die wichtige Bedeutung für den Sprecher/Schreiber nicht.

Kommunikation von Angesicht zu Angesicht funktioniert nach demselben Prinzip wie auch Kommunikation über Schrift (egal ob es ein literarischer Text, ein Zeitungsartikel, ein Handbuch, ein Blogeintrag oder ein Kommentar ist). Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht - nennen wir sie direkte Kommunikation - hat den unschlagbaren Vorteil, dass Missverständnisse schneller aus der Welt geräumt werden können. Wohlgemerkt können, nicht müssen. Der Sprecher sieht dem Hörer an dessen Mimik an, wenn es ein Problem beim Verstehen gibt. Ein Stirnrunzeln bzw. zusammengekniffene Augen deuten auf Unklarheiten oder ein Nicht-einverstanden-sein mit der Äußerung des Sprechenden. Geht es in einem Gespräch um Zwischenmenschliches, um verletzte Gefühle des Sprechers und blickt der Hörer beschämt zu Boden, kann der Sprecher davon ausgehen, dass dem Hörer klar geworden ist, dass er dann jetzt mal Scheiße gebaut hat. Die Gestik und Mimik bilden einen Kontext bei jedem Gespräch, der Einfluss auf den Verlauf nimmt. Ebenso haben die Gesprächspartner schneller die Möglichkeit, Missverständnissen zu begegnen, indem sie - rein zeitlich gesehen - sofort sagen können: "Halt, du hast das-und-das falsch verstanden." oder "Warte mal, du meinst das so-und-so?" Das alles setzt natürlich auch eine gewisse soziale Kompetenz bei den Gesprächspartnern voraus, auf den Gegenüber achtzugeben und die eigene, innere Reaktion und Meinung zu beobachten und zu benennen.

In der schriftlichen Kommunikation fehlen die beiden Aspekte Gestik/Mimik sowie direkte Antwortmöglichkeit. Schriftliche Kommunikation macht das Eigenleben von Sprache um einiges deutlicher. Der Schreiber hat eine Idee und fängt an zu schreiben. Dabei ist er auf sein eigenes Wissen um Sprache und ihre Wirkung "beschränkt". Der Schreiber - wie natürlich auch der Sprecher - hat dabei zunächst nur die Worte zur Hand, die in seinem aktiven Wortschatz vorhanden sind. Der Schreiber hat meist mehrere Varianten, eine Idee zum Ausdruck zu bringen. Ein Text kann z.B. dezidiert polemisch oder provokant, differenziert und sachlich oder auch direkter Ausdruck der eigenen Gefühle sein. Ein Text kann genausogut auch nur der schnell dahingeschriebene Ausdruck eines Geistesblitzes sein, ohne dass darüber weiter nachgedacht wurde. Sitzt der Schreiber vor seinem Blatt Papier oder seinem Rechner, kann er darüber nachdenken, welche Wirkung seine Worte hervorrufen. Je nachdem wie wieviel Erfahrung mit Worten und deren Wirkungen der Schreiber hat, kann er abschätzen, wie sein Text ankommt, welche Emotionen hervorgerufen werden könnten - ob ein Satz z.B. Lachen oder Wut hervorruft.

Doch bei aller Sprachkompetenz kann der Schreiber eines nur sehr bedingt wissen: welche (emotionalen) Assoziationen ruft ein Text im Leser hervor.

Jedes Wort hat seine eigentliche Bedeutung (die Denotation), eine Art kulturelle, übertragene, metaphorische, uneigentliche Bedeutung (die Konnotation) UND eine ganz persönliche Bedeutung (die Assoziation). Als Standardbeispiel muss hier wieder einmal die arme, kleine rote Rose herhalten. Ihre denotative Bedeutung ist ganz simpel die der Blume. Die konnotative Bedeutung ist die der Liebe. Unzählige Filme, Bücher und Blumenbedeutungsratgeber haben diese kulturelle Bedeutung für jeden von uns festgeklopft. Die persönliche Assoziation kann mit der kulturellen Bedeutung einhergehen und z.B. mit der Erinnerung an einen Liebhaber positiv verknüpft sein. Die persönliche Assoziation kann aber auch, ganz im Gegenteil, die Bedeutung von Kitsch und einem Zuviel an Pathos haben, was zu einer ablehnenden Haltung führt.

In der direkten Kommunikation kann eine Assoziation sofort in das Gespräch eingebunden werden, d.h. thematisiert und erklärt werden. In der schriftlichen Kommunikation geht das nicht bzw. eben nicht sofort. Eine Besonderheit ist hier, dass beim Leser mehr Zeit da ist, in der der Text wirken kann, ohne dass der Schreiber auf die Wirkung Einfluss nehmen könnte. Hinzu kommt, dass Schrift nur bedingt den Kontext Gestik/Mimik in sich aufnehmen kann. Emoticons helfen dabei. Bestimmte Schreibweisen helfen dabei, wie z.B. eine überzogene, polemisierende Darstellung. Diese wird aber vom Leser nur dann als solche erkannt, wenn es eine allgemein bekannte und anerkannte Art und Weise des sachlichen Darstellens gibt, von der sich die polemisierende Schreibweise abheben kann, und diese muss dem Leser auch geläufig sein. Des weiteren ist bei schriftlicher Kommunikation oft das Problem, dass Gedanken zu kurz dargestellt werden. Eine kurze, phrasenhafte Äußerung, wie sie in Kommentaren oft vorkommt, kann schnell als "Friss oder stirb!"-Äußerung aufgefasst werden. Oder einzelne Gedankenschritte werden übersprungen, weil sie dem Schreiber als selbstverständlich vorkommen. Fast ebenso oft kann der Leser aus dem Kontext die übersprungenen Gedankenschritte herleiten. Manchmal muss der Leser raten und liegt dabei richtig. Manchmal aber muss der Leser raten und liegt dabei falsch. Und an wieder anderen Stellen erkennt der Leser nicht, dass Gedankengänge fehlen. Kann es vielleicht auch gar nicht erkennen, weil die in der Schrift festgehaltenen Argumente für sich bereits Sinn ergeben. Dann ist Missverstehen die Folge.

Heißt das jetzt aber, dass schriftliche Kommunikation grundsätzlich und immer zum Scheitern verurteilt ist? Mitnichten! Denn dann wäre auch direkte Kommunikation immer zum Scheitern verurteilt. In beiden Fällen aber gibt es genügend Beispiele geglückter Kommunikation. In beiden Fällen gibt es die Möglichkeit, nachzufragen, Unklares zu beseitigen. Das Wissen darum, dass Sprache eine Wirkung haben kann, die der Sprecher nicht intendiert, hilft bei der Klärung von Missverständnissen. Wenn beide Kommunikationsteilnehmer denn gewillt sind, diese verschiedenen Wirkungsweisen als existent anzuerkennen. Das allerdings ist eine Form sozialer Kompetenz, die in keiner Form von Schrift festgehalten werden kann.

2008-02-29

Die Liebe in Zeiten des Poststrukturalismus.

liebe in zeiten

Ich stelle mir eine episodische Erzählung vor. Dem pluralen Gedanken folgend. Alle möglichen Formen, die unter den Begriff der menschlichen Beziehung gefasst werden könnten.

2008-02-28

clothes and attitude.

In den vergangenen Monaten bin ich häufiger über Beobachtungen anderer gestolpert, im Kreise der heutigen Jugend gebe es so viele Emos. Anfangs stand ich diesen Beobachtungen wie ein Informationsschwamm gegenüber. Ich sog sie in mir auf, ohne eine rechte eigene Meinung zu haben. Mir war da nix übermäßiges aufgefallen. Mit der Zeit wunderte ich mich. Wo sind sie denn alle, diese Emo-Kids? Flüchten sie vor meinem verifizierenden Auge? Wollen sie unerkannt ihrer Trauer nachgehen, während sie ihr Haar in tiefes Schwarz kleiden? Müssen sie erst noch eine neue Che-Mütze kaufen gehen? Oder ein paar neue Sternchen für ihre Jacken ausschneiden?

Und dann dämmerte es mir. Die Beobachtungen anderer waren eine Übergeneralisierung. Wohl verschuldet durch die Produktpaletten großer Textilverkaufsstellen. Es gibt gar nicht so viel mehr Emo-Kids auf unseren Straßen. Viele andere sehen nur einfach auch danach aus, weil es in den Textilverkaufsstellen nunmal die Dinge gibt, die es gibt. Und weil Jugendkultur immer auch heißt, vom Businesskostüm-Look abzuweichen. Oder würde ein Emo-Kid ernsthaft zu Bloc Party oder den Fratellis abgehen?

2008-01-09

English-experts wanted

Kennt einer 'ne gute Übersetzung für "we're sorry to hear", die nicht "es tut uns leid, dass" ist? "Wir bedauern..." klingt irgendwie auch blöd.

[edit] Ein möglicher Kontext wäre übrigens folgender: Kunde hat bei Versandhaus bestellt. Lieferung hat sich verzögert, wofür das Versandhaus zwar nix kann (Schuld ist der liebe Zoll), aber dennoch soll der Kunde sich nicht vollkommen verloren vorkommen. Da ich mit unseren Kunden häufig auch eher umgangssprachlich kommuniziere, nutze ich im Englischen gerne das "we're sorry to hear". Ich würde dann sagen: "We're sorry to hear you had that much trouble with your delivery." Nur fürs Deutsche habe ich fast nur offizielle Register in meinem Textbausteinkasten. Das zum Hintergrund.

[edit #2] Huch. Da fehlte noch eine kleine, aber feine Info: Kunde hat zuerst von Verzögerung durch den Zoll erfahren und mir das mitgeteilt.


[edit #2] Danke an alle! Ich bin mit den möglichen deutschen Phrasen nicht glücklich. Aber dass ist dann wohl eins dieser Dinge, die man nicht 1:1 übersetzen kann. Nicht mit all den Konnotation in meinem Kopf. "Es tut uns leid..." - als Reaktion auf ein Gesagtes wie in "Es tut uns leid, dass das und das passiert ist." - hat für mich etwas von Mitleid in Bezug auf ein Ereignis, das mit starken Emotionen verbunden ist. Wobei... Ein Nikotinsüchtiger, der darauf wartet, endlich den heiß ersehnten Tabak zu genießen und sich von ihm flashen zu lassen, dürfte auch einige starke Emotionen erleben...

2007-12-29

Wenn man am wenigsten damit rechnet

und eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben hat. Dann, ja dann kommt diese kleine Nachricht.

Himmel, bin ich aufgeregt. Hui. Das Herz schlägt nicht mehr nur bis zum Hals. Die Finger zittern sich über die Tastatur. Tiefes Durchatmen ist jetzt ein basales Muss.

Ablenkung? Ja, Ablenkung. Was geht mir seit Tagen durch den Kopf? Genau. Das Zusammenwirken der Lebensstränge. Wie in einem Roman. Die Erzählstränge laufen parallel. Parallel wie in mathematisch parallel. Sie berühren sich nicht.

Ein Strang ist realisiert in einem Seminar zur Philosophie des Geistes. Wir lesen dort viele Texte, die sich damit beschäftigen, inwiefern die Geist-Körper-Relation auf physikalistischem Wege beschreibbar sein möge. Lässt sich Bewusstsein anhand der beobachtbaren und messbaren Ereignisse im Körper beschreiben und erklären, und das dann auch vollständig? Was an unserem subjektiven Erleben von Bewusstsein lässt sich damit nicht (oder noch nicht) erfassen?

Ein zweiter Strang ist realisiert bzw. initiiert durch einen Abend vor ziemlich genau zwei Wochen. Ein Kumpel erzählte von Schrödinger's Gedankenexperiment, woraufhin ich auf die Multiversum-Theorie gestoßen bin.

Ein dritter Strang zieht sich seit einigen Jahren durch mein Denken. Der Wille zum Wissen und der Wille zur Macht und was passiert, wenn beide ihre Ziele in verschiedenen Richtungen sehen.

Noch ein paar andere Stränge spielen hier eine Rolle. Sie ermöglichen es mir, architextuelle und sonstige transtextuelle Bezüge zu erkennen.

Das alles läuft jetzt zusammen. Straft die festgestellte Parallelität Lügen. Das alles vereint sich in His Dark Materials, der Trilogie von Philipp Pullman, deren erster Teil Der Goldene Kompass dieser Tage im Kino läuft. Ich bin erstaunt, immer noch und immer wieder, wie das Zusammenlaufen der Erzählstränge meines Lebens in der Zeit vonstatten geht. Eine seltsame Energie lässt mich als Knotenpunkt der Intertexte innerlich erzittern. So fühlt es sich an, wenn im Leser alles zusammenläuft und überhaupt erst entsteht.

2007-12-15

Dance The Night

Ich werd schon wieder nicht müde. Stattdessen.

Mit Schrödinger's Katzen-Gedankenexperiment beschäftigt. Kurz darüber nachgedacht, ob Schrödinger irgendwas gegen Katzen hatte. Länger darüber nachgedacht, dass die Quantenphysik und vor allem aber die Extrem-Interpretation derselben, die Multiversum-Theorie darauf hindeuten, dass der Solipsismus doch irgendwie zutrifft. Wenn Messergebnisse nur das Ergebnisse von vorher aufgestellten Theorien und den Theorien unterliegenden Symbolen (im streng zeichentheoretischen Verständnis) sind, dann sind Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die auf eben solchen Messungen beruhen, nur eine Möglichkeit, wie es sich denn "wirklich" verhalten könne. Der Zustand eines Objektes bietet im Moment seiner Veränderung mindestens 2 mögliche neue Zustände, die das Objekt dann annehmen kann. Die Multiversum-Theorie sagt, dass sich an diesem Punkt die Universen spalten und beide Möglichkeiten in den jeweiligen Universen realisiert werden und dort jeweils real sind. Das ist konsequent, weil es die nicht-feststellbare, einzig wahre Wahrheit negiert. Es ist inkonsequent, wenn es vernachlässigt, dass eben diese Theorie von Menschen mit Symbolen innerhalb eines Paradigmas und diverserer Diskurse erstellt wurde. Wie kann aber - abseits all dessen - der Solipsismus zutreffen, wenn sowieso keiner sagen kann, wie es sich denn jetzt verhält. Wieder eigenem Denkfehler aufgesessen. Das unendliche Sprachspiel in den Regeln des Disurses ist die Konsequenz. Und das trifft auch auf die Physik zu. (Das muss jetzt keiner nachvollziehen können. Is ja auch spät.)

Schnell noch die Zahlungseingänge für Job #2 verbucht. Wer weiß, wie lange ich dann im Endeffekt doch morgen schlafen werde. (Morgen ist übrigens nach dem Aufstehen. Außer bei Geburtstagen.)

StudiVZ unterrichtet die Welt über neue AGBs, die mensch doch bitte per Häkchen annehmen oder bestätigen soll. Die FAQs dazu (mit all den unglaublichen Vorteilen für ein zukunftsgerüstetes studiVZ) sind auch schnell gefunden. Nur der direkte Link zu den AGBs will sich irgendwie nicht auftun. Interessant ist dabei allerdings, dass das Profil gelöscht wird, wenn mensch den neuen AGBs nicht zustimmt.

Daran gezweifelt, ob die Mail an einen Freund heute nachmittag vielleicht doch etwas zu harsch war. Er hat bislang nicht geantwortet. Aber das hat er in letzter Zeit selten. Wir sehen uns dann ja immer.

Festgestellt, dass Bloc Party genau das Richtige für den Moment sind. Tanzen am Rechner.

2007-12-01

the b to the e to the c to the c to the a

where am i going. where did i come from. where am i here.

Die englische Sprache ist eine Sprache, von der gerne und immer behauptet wird, sie sei eine einfache Sprache. Eine vergleichsweise überschaubare Menge an grammatischen Regeln gehen für einen Deutschmuttersprachler einher mit jeder Menge Vokabeln, die eine phonetische und semantische Ähnlichkeit aufweisen. Nun gibt es einen Schlag Menschen - vorzugsweise aus den USA -, die es immer wieder schaffen, mein Vertrauen in diesen Grundglauben zu erschüttern: die Philosophen.

Die Philosophen der USA sind trotz ihrer Vorreiterrolle bei der semiotisch-pragmatischen Wende in großen Teilen ganz offenbar jahrelang mit Klassischer Logik getriezt worden. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sie solch komplizierte Texte schreiben können. An der Oberfläche kommen sie auch weiterhin sehr überschaubar daher. Viele Unterabschnitte, immer wieder ein Satz zum nun folgenden Aspekt. Der Leser wird an die Hand genommen, nie allein gelassen, immer umsorgt, gehegt und gepflegt. Der Teufel jedoch steckt wie immer im Detail. Wer, wie ich, nur wenig mit dem engstirnigen Denken der zweiwertigen, extensionalen Logik mit ihrem geradezu lächerlichen Wahrheitsbegriff anfangen kann, fasst sich bei den Argumentationslinien alle paar Zeilen dezent an die sich runzelnde Stirn. Da werden hanebüchene Beispiele konstruiert, nur um sie gleich im Anschluss als Argument für die jeweilige These anzuführen. Da werden Gedankenexperimente gebastelt, anstatt auch nur einmal, ein einziges Mal auf die Ergebnisse anderer Disziplinen zu schauen, um von dort her Inspirationen und Denkanstöße zu bekommen. Da wird standhaft an dem Glauben festgehalten, ein Begriff dürfe ja nicht und um keinen Preis dieser Welt mit den Begriffen des Begriffs erklärt werden. Und wenn dann doch mal eine analytische Untersuchung des in Frage stehenden Begriffs ansteht, wird diese mit einer Dilettanten-Semiotik durchgeführt, dass sich mir regelmäßig die Fußnägel aufrollen.

Fürchterlich! Mit sowas muss ich mich rumschlagen! Ich bin ein Kind der Postmoderne. Ich bin bislang in den Genuss von zwei Staatssystemen und drei Währungen gekommen. Es gibt für mich keine Wahrheiten, die aus sich heraus 'natürlich' wären. Sie erscheinen immer nur im geltenden Paradigma 'natürlich'. Und dann sitze ich da als Grundstudiumsstudent in einem Proseminar, soll das Denken der Philosophie lernen, bin permanent hoheitlich verwirrt und kann meine Zweifel nur seltenst in eine Kritik verpacken, die vom Dozenten akzeptiert würde. Ständig sitze ich da und überlege, welche meiner sprachsystematischen Überzeugungen mich nun wieder vom Verständnis des besprochenen Textes abhalten. Überlege, welches Denksystem da dem Philosoph innewohnt, um fair zu bleiben und erstmal seine Theorie zu verstehen. Doch ich scheitere jedes Mal. Keine 90 Minuten dieser Welt reichen aus für dieses Dilemma.

2007-11-02

Mit Sinn und Verstand.

Kleiner Nachtrag zur Diskussion um die Phrase "Sinn machen", die vor einiger Zeit bei Herrn Grau aufgeworfen ward und derer sich parallel der Bremer Sprachblog in mehreren Posts ausführlich angenommen hat.

In der Reihe "Sinnesfreuden" hat sich Anatol Stefanowitsch abschließend mit der Frage beschäftigt, ob die Phrase "Sinn machen" denn nun wirklich überflüssig sei, denn - so das Argument der Verfechter dieser These - es gäbe ja bereits genügend andere Ausdrücke in unserer hübschen deutschen Sprache.

Genüsslich las ich seine Analyse, die mit sprachwissenschaftlicher Methodik nachweist, dass "Sinn machen" die Verwendungshoheit über einen nicht unerheblichen Teil unseres Sprachkorpus erlangt hat. "Sinn machen" wird mittlerweile häufig in Kontexten gebraucht, bei denen über Sinn oder Unsinn einer Entscheidung zwischen mehreren Alternativen gefragt werden kann: Eine Entscheidung macht unter Berücksichtung dieser und jener Argumente Sinn oder auch eben nicht.

So ganz nebenbei zeigt Herr Stefanowitsch in herrlich unaufgeregtem Stil den deskriptiven Ansatz der Sprachwissenschaft, der jeder Erscheinung einer sprachlichen Entität zunächst einmal zugesteht, dass sie ihre ganz eigene Funktion im Korpus einer Sprache hat. Dahinter steckt auch die grundlegende Bereitschaft des Principle of Charity, die Bereitschaft, einer Sprachgemeinschaft zuzutrauen, dass sie keine irrationalen Wege in der Kommunikation geht.

2007-09-25

Die Markierung eines Falls, der sowieso mehr und mehr aus unserem Sprachgebrauch schwindet: der Genitiv

Beim Herrn Grau gibt's heute einen wundervollen Beitrag zu Herrn Sick und seinen unsinnigen Kommentaren zur deutschen Sprachlandschaft.

In den Kommentaren kam - unweigerlich - auch das Thema Genitiv-Apostroph zur Sprache (eine herrliche metaebenenmäßige Redewendung, btw). Herr Grau schrieb hierzu, dass die Verwendung des Apostroph zur Markierung des Genitiv "schlicht und einfach unnötig" sei, da es ja das 's' als Markierung des Genitiv bereits gäbe. Herr Grau ist nun keineswegs allein mit dieser Ansicht, insofern gilt meine Replik allgemein diesem Argument, als weniger Herrn Grau.

Von der Warte aus gesehen - es gibt schon was, warum noch was anderes dazu, nur um die Verwirrung dann komplett zu machen -, von dieser Warte aus gesehen, erscheint die Verwendung der englischen Variante der Genitivmarkierung zumindest auf den ersten Blick nicht zwingend notwendig. Aber hilfreich.
Ein Beispiel: Ich bringe Andreas Buch zurück.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht lässt sich der Erfolg der englischen Variante (Ich bringe Andrea's Buch zurück) mit dem Gesetz der sprachlichen Ökonomie erklären.
Wer bei dem Beispielsatz - und sei es nur für eine Millisekunde - zuerst an einen männlichen Inhaber des Buches dachte, wird mit der englischen Variante beim Lesen vermutlich besser klarkommen. Zum Test: Andreas Buch und Andreas' Buch vs. Andrea's Buch und Andreas' Buch. Bei der deutschen Variante der Genitivmarkierung durch das 's' führt die Überschneidung mit vielen Substantiven und Eigennamen, die auf einen 's'-Laut enden, dazu, dass der Lesefluss kurzzeitig unterbrochen wird. Durch die Markierung des Genitiv mit einem Apostroph wird der Leser rechtzeitig darauf hingewiesen, dass es sich hier nun um einen Genitiv handelt. Kein Innehalten und neu-Lesen ist nötig.

Der Satz Ich bringe Andreas Buch zurück kann in mehreren Lesarten verstanden bzw. zunächst irreführend gelesen werden, je nach Einordung von Andreas.
Da wäre zunächst für unsere türkisch- und arabischstämmigen Mitbürger mit ihrem Pidgin-Deutsch die Falle, den Satz als /Ich gebe das Buch an Andreas zurück/ misszuverstehen. Mit einem Genitiv-Apostroph ist diese Lesart ausgeschlossen. (Off-Topic: Woher kommt eigentlich die Unterscheidung zwischen türkisch und arabisch? hat sich geklärt)
Irreführend ist der Satz, weil 'Andreas' als männlicher Eigenname häufiger vorkommt als die Genitivform von 'Andrea' und daher beim Lesen 'Andreas' zuerst als Akkusativ gelesen wird (das hängt mit dem Frequenz-Effekt beim Sprachverstehen zusammen: häufig auftretende Wörter werden schneller erkannt als seltene Wörter). Erst mit dem weiteren Lesen des Wortes 'Buch' sowie dem Fehlen eines Demonstrativpronomens wird Andrea als weiblich sowie als Inhaberin des Buches erkannt. Das ist zwar nun eine Sache von Millisekunden, aber mit dem Apostroph als graphisch sichtbarem Element wird das irreführende Lesen vermieden.

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Verwendung des Genitiv-Apostroph erleichtert für einen bestimmten Teil unserer Wörter die Sprachrezeption. Und weil wir alle faule Säcke sind und es immer gern so bequem wie möglich hätten, ist das Apostroph keinesfalls unnötig, sondern eine neue Form, die eine Zeitlang parallel zum Genitiv-s existieren wird, um dieses dann (so meine Prognose) irgendwann gänzlich zu verdrängen. Ist ja auch viel einfacher, für unsere beiden am häufigsten genutzten Sprachen in Teilen die gleiche Grammatik zu Grunde zu legen.

2007-09-13

Au backe

Ich bin nicht authentisch.

Autor und Inhalt stimmen überein und geben nicht vor, etwas anderes zu sein als sie sind. (Cem Basman, via)

Was mach ich denn jetzt? Ja, liebes Publikum, ich bin mitnichten die, die ich vorgebe zu sein. Mein real-life-Name lautet vollständig anders. Ich bin ein gekünsteltes Produkt. Das hier sind die Wirklichkeit verstümmelnde Ausschnitte. Gelegentlich sogar frei erfundene Geschichten.

Ok, ok. Jetzt tu' ich dem Herrn Basman doch ein wenig Unrecht. Worum es ihm ja eigentlich geht, ist Glaubwürdigkeit und das Originäre. Das sind Maßstäbe, die sich auf den Inhalt von Beiträgen beziehen. Die Beurteilung findet durch den Leser statt. Jeder für sich hat eine gewisse Empfindung darüber, ob ein Post oder ein Blog "die Welt aus einer persönlichen und ehrlichen Sicht" darstellt. Diese 'gewisse Empfindung' ist jedoch nichts, das mit einem "sei du selbst"-Rückbezug durch den Schreibenden vollständig zu lösen wäre. Neben der Besinnung auf die eigenen Interessen und Standpunkte, ist die Verwendung der sprachlichen Zeichen in Äußerungen und das sich-Positionieren in den Diskursen der eigentlich ausschlaggebende Faktor für das, was dann als glaubwürdig und originär gesehen werden kann.

Authentisch im Sinne von originär wird dann verwendet, wenn ein Individuum abseits der gerade gültigen Normen agiert, sich gegen herrschende Meinungen positioniert und damit eine Form der Kritik ausübt. Ein Text - egal ob Literatur, Blogpost, Musik oder Film (ja, das ist ein sehr weiter Textbegriff, siehe auch der erste Satz bei Wikipedia) - ein Text wird dann als authentisch bezeichnet, wenn Bezeichnungen für Sachverhalte und/ oder Themen enthalten sind, die gerade nicht von allen anderen verwendet werden. Sie erscheinen als neu bzw. als echt, sind aber bei näherer Betrachtung lediglich mit derzeit ungewöhnlichen Worten beschrieben und auf Grund der ungewöhnlichen Worte werden andere (nicht neue) Perspektiven des Sachverhalts beleuchtet.

Und wozu jetzt der ganze Schmonz? Der Begriff /authentisch/ ist so schwammig in seiner Bedeutung und so vielfältig in seiner Anwendung, dass mensch immer hinzufügen muss, was gemeint ist. Dann kann es auch gleich aus dem Wörterbuch gestrichen werden. 'Authentisch' ist eine Kategorie, die mittlerweile mehr über den aussagt, der es verwendet, als über den, den es bezeichnet. Als authentisch bezeichnen Plattenfirmen ihre Bands, wenn sie eine Marketingstrategie brauchen. Als authentisch bezeichnen Rezensenten Literatur, wenn sie mal Texte lesen, deren Inhalt nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hat, bei denen sie das Gefühl haben, jetzt etwas über "das wahre Leben" gelernt zu haben. Das Schicksal dieses Wortes ist ein tragisches. Es wird benutzt und ausgenutzt, missbraucht und verdorben. Ich werde es jetzt wieder in seinen Dornröschenschlaf schicken. Ruhe sanft, liebes authentisch.

2007-07-14

Beobachtung 3. Ordnung.

Akademiker sind schlimmer als eine Horde Kindergartenkinder. Da hacken sie alle gegenseitig auf sich rum. Sagen ständig, der ist doof, der berücksichigt das und das nicht. Das muss man nämlich so und so machen. Und was ist: recht ham se beide. Weil sie ihren Untersuchungsgegenstand aus verschiedenen Richtungen und von unterschiedlichen Ansatzpunkten her beleuchten, übersehen sie allesamt, dass sie doch eigentlich an derselben Frage arbeiten, die sich eventuell, aber nur vielleicht, eben nicht mit nur einem Ansatzpunkt beantworten lässt. (Ihr ahnt es, das regt mich ein wenig auf.)

Ich arbeite grade an der Relation Sprache und Denken. Die einen sagen, unsere Neuronen beherbergen ein Repräsentationssystem, das die im Geist repräsentierten Dinge/Ideen mit den Wörtern der natürlichen Sprache verknüpft und darüber Bedeutung in die Aussagen gelegt wird. Die anderen sagen, nein, nein, Repräsentation ist doof. Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch. Was der Sprecher mit seiner Äußerung beabsichtigte, bestimmt die Bedeutung. Die Kontextfaktoren sind das Wichtigste. Bei beiden bleiben Fragen offen und der Weisheit letzter Schluss dürfte - mal wieder - in der goldenen Mitte bzw. in der Verbindung beider Konzepte liegen.

Alles nix neues. Musste nur mal gesagt werden. Könnte sonst in Vergessenheit geraten.

Ich glaube übrigens grade, Ontologie und Zeichentheorie könnten sich doch vertragen. Wenn doch nur endlich alle anerkennen würden, dass das Ontologische vom Zeichenhaften durch und durch durchdrungen ist. :P