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2009-01-16

Der Einsatz von Sicherheitspersonal schafft sich seine Vorfälle selbst.

Vergangenen Sonntag in der M10. Am Frankfurter Tor stieg ich ein und setzte mich. Rechts standen zwei Herren von, ich glaube, securitas (die, die auch immer für die S-Bahn arbeiten), links auf einem Einzelplatz ein Mann Mitte Vierzig. Als ich mich setzte (die Straßenbahntüren waren noch offen), sprach der Mittvierziger zu einem anderen Mann im gegenüberliegenden Vierereck. Er sprach laut, schrie aber nicht. Er beugte sich ein wenig nach vorne, aber machte keine Anstalten, dem anderen Mann irgendwie zu nahe zu kommen. Sein Blick glitt zwischen Vierereck und Sicherheitspersonal hin und her. Ich ahnte: Da kommt was. Sicherheitsleute haben schließlich den Auftrag, alles in Schach zu halten, was nicht bei drei der Ruhe-hier-Mentalität entspricht.

Und es kam schneller als ich dachte. Die Türen schlossen sich und der Mittvierziger - den Augenkontakt mit den Sicherheitsleuten haltend - sprach in Richtung Vierereck sowas wie: Ja, jetzt wo die Türen zu sind, jetzt legen sie los. Das ließ sich Sicherheitsmensch Nr. 1 nicht zweimal sagen. "Hören Sie bitte auf, die anderen Fahrgäste zu belästigen." Das ging dann so ein bisschen hin und her. Es kam die unweigerliche Frage nach dem Fahrausweis. Diesen wollte der Mittvierziger nicht zeigen, da er sicher war, dass ihm der Fahrausweis weggenommen würde. Dann wieder ein bisschen hin und her und die Aufforderung der Mittvierziger solle doch bitte an der nächsten Haltestelle aussteigen. Der Mittvierziger weigerte sich erst (er hatte ja nichts getan), dann wollte er freiwillig gehen, dann weigerte er sich wieder. Am Bersarinplatz angekommen (er weigert sich gerade), nahmen ihn die beiden Herren von der Sicherheit unterm Arm und trugen/zogen/begleiteten ihn hinaus. Eigentlich schon draußen, zog der Mittvierziger aber dann noch die Notbremse. Der Straßenbahnfahrer wartete jetzt, bis die Polizei (eine Wanne!) da ist. Draußen wurde der Mittvierziger noch ein bisschen weiter laut und offenbar auch ausfällig lt. Polizeipressemeldung.

Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, bevor ich eingestiegen bin. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Mittvierziger einfach nur ein bisschen vor sich hin und in Richtung eines anderen Fahrgastes loserzählt hat. Vielleicht ein bisschen Verschwörungstheorie. Vielleicht ein bisschen was über eingesetztes Sicherheitspersonal.
Losplappernde Menschen gibt es alle Nase lang in einer großen Stadt. Da passiert auch selten mehr. Irgendwann steigen alle aus und gut ist. Grundsätzlich ist so eine zeitlich begrenzte Gemeinschaft sehr gut in der Lage, Menschen auszuhalten, die der durchschnittlichen Mentalität von ins-Gespräch-kommen-dürfen nicht entspricht.

Beide Seiten haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Von Deeskalation auf Seiten der Sicherheitsleute war nicht viel zu merken. Aber auf dieser Seite muss sie ausgebildet sein und angewendet werden (meine Meinung, keine Ahnung, wie die BVG das sieht). Ich kann mir gut vorstellen, wären die beiden Sicherheitsleute an diesem Abend nicht in der Straßenbahn gewesen, es gäbe keine Polizeimeldung "Straßenbahnfahrgast wurde rabiat". Ich behaupte, außer Genervtsein wäre bei einigen Fahrgästen wohl nichts passiert.

2008-12-30

Shoe-tossing in der Nachbarschaft.

Ich frage mich mich gerade, ob unser Haus ein Drogenumschlagplatz ist. Vielleicht wohnte hier auch lange Zeit ein Prenzlberg-Gangster, der nun das Zeitliche gesegnet hat. War der gezündete Böller gestern abend möglicherweise sein letztes Geleit. Oder vielleicht ist einfach nur so jemand gestorben und dieses Paar Schuhe soll nun die bösen Geister fernhalten. Irgendwie niedlich ist hingegen die Möglichkeit, ein junger Herr in unserem Hause hat in der vergangenen Nacht seine Unschuld verloren.

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PS: In Berlin hat's nicht so viele Überlandleitungen. Da muss mensch dann schnell mal auf andere Aufhängmöglichkeiten ausweichen und den Part mit dem Werfen durchs Schnüren ersetzen.

2008-09-09

Sonnabendabendunterhaltung auch für euch.

Meine Damen und Herren,

alle, die am Sonnabend (in westdeutsch auch als Samstag bekannt) so ab 23 Uhr noch nix vor haben, in Berlin weilen, uns beim Lesen und Auflegen auf der Schönen Party zugucken wollen und nicht sowieso schon anwesend sein werden: Aufgepasst!

Es gibt Karten zu gewinnen, und zwar für eine Person mit Begleitung. Die Frage dreht sich um die in diesem Blog vorhandene, lose Reihe meiner Helden der Musikgeschichte: Wer ist der Erste, der hier genannt wurde? (Und wer dazu noch den Namen des mir liebsten Süßkrams aus den USA nennt, bekommt 'n Bier ausgegeben.)

Antworten bitte in die Kommentare. Das Gewinnspiel ist geschlossen. Neil Hannon lautet die Antwort und das Bier gibt's für Pop Tarts. Beides geht an Alex. Herzlichen Glückwunsch!

2008-09-08

Sonnabendabendunterhaltung

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Blogs sind ja schon lange Mainstream. Da braucht sich der geneigte Blogger also weiter keine Gedanken machen und kann ruhigen Gewissens seine Seele vor den Ü30-Clubbern der berlin-brandenburgischen Region ausschütten. So geschieht's am 13.9. bei der Schönen Party in der Kalkscheune. Herr Grau, Frau Anne und meine Wenigkeit werden die Launen der FeldWaldWiesenBlogs und unsere gegenseitige Wertschätzung mit einem leisen Glanz in den Augen ins Publikum streuen. Herr Lobo wird uns an-, zwischen- und abmoderieren, um im Anschluss die geneigte Publikumsaufmerksamkeit galant an die Herren Niggemeier und Dilk vom BILDBlog weiterzureichen. Herr Walter, seines Zeichens nerdcore-Cheffe vom Dienst, wird uns dann allesamt in die tanzbare Besinnungslosigkeit bringen.

Falls sich jetzt wer fragt - ich zumindest tue das gerade -, warum ich für meinen eigenen Auftritt mit einer solch uncharmanten ironischen Distanzierung werbe: Diese Stadt lässt mir grade keine andere Chance. ("Diese Stadt" ließe sich auch durch diverse andere Nominalphrasen ersetzen.) Aberwiedemauchsei. Unter dieser Ironiekruste freu ick mir wie bolle uff den abent!

2008-07-23

Testspiele sind zum Testen da.

Was für ein Drama. Da spielt der Liverpool FC schonmal in Berlin (bei den Glanzleistungen, die die Hertha im Schnitt erbringt, wird das wohl so schnell nicht wieder passieren.) und dann fehlt die halbe Mannschaft. Die Spanier Alonso, Torres und Reina erholen sich noch von ihrem Sieg bei der Europameisterschaft. Gerrard hat sich am Montag mit einer Verletzung in der Leistengegend aus dem Trainingscamp verabschiedet. Der Rest der Angetretenen ist entweder noch jung oder erst seit dieser Saison beim LFC. Einzig Jamie Carragher und Dirk Kuyt waren am Start. Nicht viele Optionen, die Headcoach Rafael Benitez da hatte.

Und das hat mensch dem Spiel auch vollständig angemerkt. Zusammengewürfelt und ohne Plan. Die erste Halbzeit wirkte wie ein Casting. Jeder, der den Ball einmal hatte, dribbelte ein bisschen vor sich hin und beendete dann mit einem Fehlpass oder direktem Ballverlust im Zweikampf. Dass die Hertha in den ersten 45 Minuten kein Tor schoss, ist einzig der guten Abwehr zu verdanken. Die steht schonmal wie 'ne Eins. Über die Spitze lässt sich nur wenig sagen. Wenn der Ball mal in Tornähe war, waren die Jungs, allen voran Andriy Voronin, viel zu ängstlich. Platz zum Schießen? Ach nee, vielleicht lassen sich ja noch ein paar Pässe üben. Anders kann ich mir den mangelnden Drang zum Tor jetzt auch nicht erklären. Die zweite Hälfte wurde da auch etwas lebendiger. Das dürfte zu einem Gutteil daran gelegen haben, dass Benitez fast die komplette Mannschaft auswechselte (9x wurde getauscht).

Das große Problem aber war das Mittelfeld. Das gesamte Spiel über. Sehr bezeichnend hierfür waren mehrere Situationen mit Kuyt, der den Drang zum Tor hatte, aber sich permanent die Bälle selber abholen musste und dann auch prompt an einen der mindestens zwei Herthaner um sich herum verlor. Ich hoffe, dass mit Alonso, Gerrard und Mascherano ein wenig Stabilität ins Mittelfeld kommt. Vor allem braucht es jemanden, der Gerrard ersetzen kann, wenn der verletzt ist oder nen schlechten Tag hat. Daran mangelte es in der vergangenen Saison häufiger.

Ich bin gespannt. Derweil geht mein erstes live gesehenes Liverpool-Spiel als Austest-Spiel in die persönliche Erinnerung ein. Und ich bin hoch erfreut, dass um uns herum gefühlte 5.000 Liverpool-Fans saßen.

Ach ja. Das Spiel ist übrigens 0:0 ausgegangen.

2008-06-22

Meine neuen Füße.

Mein armes Fahrrad. Wenn sich das Board hier demnächst tatsache häufiger mal in meinem Besitz befindet, dann wird mein liebes, kleines Zweirad noch anfangen zu weinen. Ich werde es dann im Hinterhof stehen lassen. Müssen geradezu.

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Zweieinhalb Wochen ist es her, dass ich das erste Mal auf einem Longboard stand. Meine bisherigen Erfahrungen mit den Brettern dieser Welt beschränkten sich auf ein BilligSTskateboard, das ich im Alter von ca. 12 Jahren mein Eigen nannte. Auf Grund von Unfahrbarkeit (das Teil sah mehr aus wie ein Regalboden und so fuhr es sich auch) landete es nach gut einer Woche zusammen mit den Phantasien von Downhillfahrten oder Halfpipehüpfern wieder in der Ecke und später im Müll. In der Neunten gönnte ich mir vom Klassenfahrtsgeld einen Tag Snowboarden. Sich auf dem Idiotenhügel alle Nase lang hinzupacken und selbst von 5-Jährigen auf ihren Skiern gekonnt überholt zu werden, ist aber nun wahrlich nicht das, was mensch einen Anreiz zum Weitermachen nennen würde.

Mit diesen, erfolgreich verdrängten, Erfahrungen im Hintergrund stand ich nun also vor zweieinhalb Wochen am oberen Ende des Schwedter Stegs und bestieg obiges Longboard. Das lief in etwa so ab: Draufstellen. Die ersten Meter relativ sicher gradeaus rollen. Fragen, wie das mit dem Bremsen eigentlich so funktioniert. Um dann keine halbe Stunde später die erste Abfahrt auf dem Schwedter Steg zu meistern. Ohne Hinpacken wohlgemerkt. (Für alle, die die Brücke nicht kennen: Die ist 200 Meter lang und hat eine Steigung von geschätzten/gefühlten 5%. Runterwärts kann man da schon gut an Fahrt gewinnen.) Mir kam das in dem Moment irgendwie alles sehr leicht und natürlich vor. Gestandene Longboarder kann man damit schon mal aus dem Konzept bringen.

Dann erstmal Pause. Heute das zweite Mal auf'm Board gestanden und gleich beim Cruisen durch die Innenstadt mitgemacht. Huiuiui. Vor einer ums Verrecken nicht bremsenwollenden Straßenbahn flüchten zu müssen, wo doch eigentlich komplett die Erfahrung fehlt für solche Situationen... Alter Schwede! Aber der Anblick von rund 20 Longboardern, die an der Ampel eine komplette Autospur dichtmachen, um dann gemütlich links abzubiegen, ist einfach göttlich. Das dachten sich wohl auch die vielen Fußgänger, Rad- und wenigen Autofahrer, die das Spektakel mit belustigter Miene verfolgten. Und das entschädigt denn auch für all den ausgestandenen Nervenkasper, aber sowas von-

Nun also vier statt zwei Räder. Nicht immer. Aber immer öfter.

2008-05-05

The Subways/ Jennifer Rostock - 4. Mai im Radialsystem V

Das Schöne an Festivals ist ja, dass mensch sich in Ruhe unbekannte Bands anschauen kann. Jennifer Rostock also. Oder "Jenni", wie sie liebevoll von ihren Fans genannt wird. Kopf oder Zahl ist ein Song, der in die Beine geht. Die Zeile "Hoffnung, Hoffnung, tanz dich barfuß durch die Welt" hat was. Aber bei Jennifer Rostock wusste ich nie so recht, was ich von der jetzt nun wieder halten sollte.

Und dann kommt da dieses kleine, viel zu dünne Persönchen mit diesen langen, schwarzen Haaren auf die Bühne und rockt das Haus. Eine Stimme und ein Mundwerk, mit dem sie gar nicht anders kann als auf der Bühne ihr Publikum zu unterhalten. Alles andere wäre pure Verschwendung.

Live hat das alles nur noch sehr wenig mit dem Synthiegefiepe der Single Kopf oder Zahl zu tun. Da wird aus der auf myspace selbstgegebenen Schubladisierung "Elektro, Punk, Pop" ganz schnell Rock mit ein wenig Pop und Elektro als Dreingabe. Punk ist das gesamte Erscheinungsbild irgendwie auch, aber mehr im Sinne von Punk ist... von den Ärzten. Ich konnte mich auch des Gedankens nicht erwehren, dass Frau Rostock eine perfekte Projektionsfläche dieses Popfeminismus bietet, wie er u.a. letztens von Bernadette La Hengst für den Spiegel formuliert wurde.

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Die Subways. Lange Monate schon wartete ich darauf, die Mischung aus zuckersüßen Melodien und hartem in die Saiten Hauen live erleben zu dürfen. Gestern sollte es soweit sein. Und doch ganz anders kommen. Drummer Joshua Morgan hat es mit einem Virus darniedergelegt. Billy Lunn und Charlotte Cooper spielten ein kleines Set mit Akoustikgitarre und Bass. Viel zu kurz die Setlist. Umso intensiver der Gig.

Aufgeregt waren die beiden. Mit verschmitztem Grinsen machte Lunn seine Ansagen, ein guter Schuss Nervosität immer dabei. Cooper sagte nicht viel, aber auch ihr Gesicht sprach Bände ob der Begeisterung des Publikums. Es war ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass eine sympathische Band den musikalischen Genuss um einiges zu steigern vermag. Das neue Album "All Or Nothing" wird im Juni erscheinen und der gestrige Auftritt war wohl so ziemlich die erste Gelegenheit, die neuen Songs ohne das Gewand einer plugged-in-Gitarre und eines Schlagzeugs zu präsentieren. Dass das bei den Subways aber mal so richtig gut funktioniert, ist bestens bekannt. Lunn's Stimme trägt ganze Lieder fast wie von selbst. Kraft verbindet sich gekonnt mit dieser melodiösen Harmonie, die die Briten mit der Muttermilch eingeflößt bekommen. Singen die beiden dann im Duett, kreieren sie die Sahnehäubchen ihrer Musik.

Den Saal hab ich mit einem breiten Grinsen und einem tiefen, inneren Glücksgefühl verlassen.

2008-04-28

Das eigentlich Schlimme an diesem Volksentscheid.

Hm. Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich an dem gestrigen Volksentscheid schlimmer finde. Dass die CDU und ein paar Unternehmer dieses Mittel der Bürgerbeteiligung für etwas instrumentalisieren, dass schon lange nicht mehr in der Hand der Bürger liegt. Dass auf beiden Seiten mit billigsten Werbeslogantricks gearbeitet wurde. Dass unser lieber Herr Regierender Bürgermeister politich so dumm war, der ICAT-Kampagne mit Arroganz zu begegnen anstatt sich zurücklehnen und zu sagen: "Aber ihr CDUler (auch auf Bundesebene) habt doch damals mitentschieden. Unser Senat führt nur zu Ende, was von eurem Senat vor einem Jahrzehnt beschlossen wurde." Dass die Boulevardmedien das Thema in gewohnt-gekonnter Manier mit ihrer Nostalgie-Emo-Schlacht bevölkerten. Dass kaum jemand ernsthaft über die Sachverhalte gesprochen hat.

Bis vorhin war ich außerdem erschüttert über die geringe Wahlbeteiligung. 36,1% haben den Weg vorbei an Kabine und Urne geschafft. Von rund 2,45 Mio. Stimmberechtigten sind das gut 880.000 Menschen in Berlin. Wenn ich mir die oben genannten Aspekte so anschaue, wundert's mich keinen Meter, dass die Politikverdrossenheit nach wie vor steil anhält. Das Instrument Volksentscheid kann dem entgegen wirken. Aber nach der Aktion glaubt hier doch keiner mehr daran, dass Bürger ihre Landesregierung wirklich dazu bringen können, ein Gesetz zu verabschieden, das so nicht von Parlament, Regierung und den Parteien vorgesehen ist.

Das eigentlich Schlimme an diesem Volksentscheid ist die Summe all dessen, was da gelaufen ist.

2008-04-26

Streik mit Stil?

Soeben fuhr an meinem Haus eine alte Straßenbahn vorbei. Alt heißt rund 40 Jahre alt. Sie war gut in Schuss, frisch lackiert und noch mit einem BVB-Logo versehen. BVB steht für Berliner Verkehrsbetriebe, ist die eigentlich sinnige Abkürzung für den Unternhmensnamen und musste auf Grund seiner Ost-Vergangenheit 1990 den Heldentod sterben. (Achtung. In diesem Satz waren unsinnige Ostalgie-Verblendungen enthalten.)

Nun also rollte hier eine alte Straßenbahn vorbei. Auf der Rückseite war ein großes Schild mit der Aufschrift "Fahrschule" angebracht. Und ich hege die kleine Hoffnung, dass die BVG-Oberen sich auf den Streik in den Werkstätten und den damit verbundenen Ausfall moderner Züger dergestalt einstellen, dass sie die alten Züge wieder einsetzen. Anstelle ausfallender Züge hätten wir dann historische Züge. Das hätte doch mal wirklich Stil.

2008-04-25

Wege, die aneinander vorbeiführen.

Wo wir gerade schon bei diesen kleinen Beobachtungen sind.

In den Stunden, in denen wir nicht beieinander sind, sind wir jeder für uns irgendwo in dieser Stadt. Ohne äußere Bewegung an einem Ort oder im Fluss des Straßenverkehrs. Unsere Wege kreuzen sich dabei. Nicht direkt. Manchmal auch das, aber das meine ich nicht. Ich spreche von den Momenten, in denen einer in seinem Zimmer sitzt, draußen rattert die Straßenbahn vorbei und ein anderer sitzt dort drin, auf seinem Weg zur Arbeit. Sie treffen nicht aufeinander und sind dennoch miteinander verbunden. Es ist nie ganz klar, wann genau dieser Moment da ist. Es ist ein Moment, der im Kopf des einen oder des anderen stattfindet. Eine Vorstellung.

Eine Vorstellung, die Nähe erzeugt. Die das eigene soziale Netz mit Punkten und Linien auf der Landkarte markiert. Diesen Punkten und Linien Gesichter und Lebenswege zuordnet. Es ist eins der Dinge, die das Existieren zu einem Leben machen.

Nachtsonne.

Mehr um meiner #balkon #sonne #wlan-tagline bei twitter eine gewisse kontinuität zu verleihen, kreierte ich gestern die #balkon #wlan #nachtsonne-tagline für mein abendliches sit-in.

Am Morgen danach, an einem Morgen, an dem weder die Sonne noch die Nachtsonne scheint, wirkt dieses Wort in mir nach. Es entfaltet seine metaphorische Wirkung und lässt ein Licht der ganz anderen Art aufscheinen. Gänzlich unspektakulär schaute ich gestern noch auf meine kleine Lampe und auf die Straßenlaterne, dachte mir nichts dabei und arbeitete weiter. Jetzt wird mir die volle Kraft dieser Bezeichnung bewusst. Ich denke an die vielen Kinder der Nacht, deren Melatonin gegen das natürliche Sonnenlicht immun ist und nur auf das elektrische mit Wohlsein reagiert. Ich denke an Autofahrten durch die Nacht. Leere Straßen in einer großen Stadt. Die Laternen strahlen auf Beton. Im Hintergrund sind schwach die bunt angemalten Fensterrahmen zwischen dem Grau der Häuserfronten erkennbar.

Es ist der pure technische Fortschritt, der seine Ästhetik wirken lässt.

2008-04-22

Los! Los! An die Urnen!

Am Sonntag nun ist es soweit. Wir, die wir hier in Berlin wahlberechtigt sind, dürfen an unserem ersten Volksentscheid teilnehmen (ausgenommen diejenigen, die bereits per Briefwahl in den Ämtern abgestimmt haben - die dürfen Erster! rufen). Die ganze Republik weiß mittlerweile, dass es um den Flughafen Tempelhof geht.

Damit der Flugbetrieb in Tempelhof wieder Thema im Abgeordnetenhaus und im Senat wird, müssen 2 Bedingungen erfüllt werden: Zum einen müssen mindestens 610.000 Stimmen für den Erhalt des Flugbetriebs in Tempelhof zusammenkommen und es muss mehr Ja- als Nein-Stimmen geben.

Pessimistisch, wie ich so manches Mal sein kann, kann ich mir gut vorstellen, dass die erste Bedingung erfüllt werden könnte. Dieser Pessismismus legt sich zwar ein wenig, wenn mensch bedenkt, dass bei 2.45 Mio immerhin ein Viertel aller Wahlberechtigten eine gültige Ja-Stimme abgeben müssen. Dieser Pessismismus steigert sich allerdings wieder, da ich davon ausgehe, dass zunächst einmal diejenigen zur Wahl gehen, die für den Erhalt sind - insbesondere nach all dieser Stimmungsmache durch die Springerpresse sowie die herzlich dämliche Gegenkampagne von den Regierungsparteien und den Grünen.

Wichtig ist deshalb, dass auch all diejenigen ihre Stimme abgeben, die gegen den Erhalt des Flugbetriebes sind. Ich glaube keinen Meter, dass 74% aller Berliner für den Erhalt sind. Aber das werden Pflüger, Springer & Co. ebenfalls nur dann wahrnehmen, wenn die Wahlergebnisse ihnen das ins Gesicht schleudern (was hoffentlich passieren wird).

ALSO: GEHT WÄHLEN!
Entweder am Sonntag in euren Wahllokalen oder vorher per Briefwahl in euren Bürgerämtern.
Auch wenn der Volksentscheid nicht bindend für den Berliner Senat ist. Auch wenn die Schließung so oder so durchgehen wird. Scheißegal. Geht wählen.

Und ja, ich wende mich hier nur an die, die Schließung des Flughafens befürworten.

2008-04-19

Ich bin verliebt!

Heute Nachmittag war es, da glaubte ich an nichts Gutes mehr. Sprach von bröseligen Strohhalmen, der Faszination morbider Gedankenspielereien und dergleichen. Ich verließ das Haus. Stand an der Haltestelle und beobachtete einen Kran dabei, wie er ein ca. 2 Meter breites, 50cm langes und 30cm hohes Stück Beton über ein Häuserdach in einen Innenhof hievte. Ich wartete darauf, dass die verankerte Kette nicht halten würde. Stellte mir vor, wie das Stück Beton mit einer Ecke das Dach einreißen und auf seinem Weg gen Boden eine lange Kratzspur in die Häuserwand reißen würde.

Vorbei. Die Sonne scheint mir aus dem Arsch. Ich glaube wieder daran, dass Friede auf Erden möglich ist. Wie ein kleiner Hippie tanze ich durch die Straßen und mein Zimmer. Ich koste diesen Augenblick aus. Er spendet Kraft. Was ist passiert? Ich bin verliebt. In eine Filmfigur. In ein Kleinod der Filmgeschichte. In eine der besten Soundtrack-Zusammenstellungen, die mir in meinem Leben untergekommen ist. Wovon ich rede? Juno.

Manchmal erschrecke ich vor mir selbst, wie schnell Emotionen in ihr Gegenteil umschlagen können. Das ist mir grade aber auch herzlich schnuppe. Oder um es mit den Worten aus Belle & Sebastian's Expectations zu sagen: "You're on top of the world again".

2008-04-13

Orte und ihre Erinnerungsbilder.

Die Verknüpfung von Orten oder Gegenständen mit gewissen semantischen Konzepten ist ein altes Spiel der Rhetorik. Sollst du eine freie Rede halten und verfügst jetzt leider mal so gar nicht über ein Elephantengedächtnis, stellst du dich einfach vorher in den entsprechenden Raum und verknüpfst die vorhandenen Gegenstände mit deinen Gliederungspunkten. Das Fenster über der Tür ist dein Einstieg in die Rede - so als kommst du von außen den Gang entlang und siehst durch das Fenster, ob im Raum Licht und Leben ist. Ist dort Licht, gehst du hinein. Neben der Tür ist eine Halbsäule, von der Wand in den Raum ragend - sie ist deine Überleitung in den Hauptteil der Rede. Und so weiter und so fort. Im Ergebnis denkst du beim Anblick des Fensters an die Worte deiner Einleitung.

Ähnliches erlebe ich beim Laufen und Fahren durch Berlin. Das Konzept "Orte der Erinnerung" funktioniert auch im Persönlichen bestens. Die Sparkasse Danziger/ Greifswalder ist belegt mit dem Gesicht eines jungen Mannes, den ich vor rund sieben Jahren kennen lernte. Bei unserem ersten Zusammentreffen hatten andere den Eindruck, wir würden uns seit Jahren kennen. Wir quatschten, tauschten uns aus, lachten. Es war eine intensive Zeit. Zu intensiv. Ein paar Wochen lang verbrachten wir unsere Zeit. Bis er auf einen anderen jungen Mann traf, der sein Freund wurde - und er sich von uns allen, nicht nur von mir, langsam, aber stetig entfernte. Anfangs noch hatte ich eine Serie von Bildern im Kopf, wie er auf der anderen Straßenseite steht. Ich nähere mich, er erkennt mich, lächelt und winkt. Irgendwann ist dies zu einem kognitiven Aufploppen des Namens reduziert. Jetzt, nach all diesen Jahren, ist diese Ecke ein Ort neuer Erlebnisse. Ich wohne jetzt hier. Mein neuer Stammkiosk ist gleich neben der Sparkasse. Keine zwei Monate und der Inhaber und ich sind per du. Gibt ja sicher auch nicht viele, die mit einem "1x Mascotte, bitte. Nein, nicht die Muscote, sondern die da drüben neben den weißen ocb." rumnerven. Es ist auch der Ort, an dem ich eine der entspanntesten Mitarbeiterinnen einer Bank erlebt haben werde. Es ist ein Ort, den ich jetzt tagtäglich durchlaufe.

Ein anderer Ort ist die Haltestelle Mollstraße/ Otto-Braun-Straße. Diese Doppelhaltestelle, wenn man vom Alex kommt und Richtung Norden oder Osten fährt. Diese Straßenecke ist ein provinzieller Umsteigebahnhof für mich. Da ist nichts. Einfach gar nichts. Ein große Kreuzung für die Autos. Der 100er hatte früher mal seine Endhaltestelle dort. Das weiß ich aber auch nur von den Anzeigen auf den Bussen. Wie einen Ground Zero habe ich diesen Ort durchfahren. Jetzt muss ich jedes Mal daran denken, wie ich an diesem einen Abend nach dieser einen Party durch diese Häuserschluchten hindurch auf diese Haltestelle zugehe. Meine Begleitung und ich setzen uns auf diese schwarzen Metallbänke an der Haltestelle. Ein MezzoMix macht die Runde. Am Ende sind wir doch gelaufen. Glaube ich. Ich kann mich heute schon nicht mehr an die Details erinnern. Irgendwann werde ich vermutlich 'nur' noch an diese eine tolle Woche und an meine Begleitung denken. Ich werde in meinem Gedächtnis nach den Details der Party kramen müssen und wie wir eigentlich genau dahin gelangt sind. Aber dieser Ort, dieses Sitzen auf den schwarzen Metallbänken, wird für lange Zeit der Ort einer besonderen Erinnerung bleiben.

2008-04-04

Musikblogs auf der Tanzfläche.

Am heutigen Abend gibt es im Berliner Magnet einen - an sich typischen - Konzert- und Tanzabend. Das Besondere? Veranstalter sind Musikblogs. brrrln und vrstrkr kümmern sich um die Bespielung. Mehr zum Whip It Good-Abend auf den Blogs und der Magnetseite.

2008-03-25

Später am Tage.

Leere Gänge. Stille Innenhöfe. Das Filmteam ist fertig. Die letzten Mitarbeiter sind schon vor über drei Stunden gegangen.

Die Halogenlampen werfen nur das Nötigste an Licht auf dieses efeugrüne Etwas, das sich Teppich nennt. Das efeugrüne Etwas schluckt selbst vom Nötigsten zuviel. Wenn dann noch eine lilafarbene Tür in mein Blickfeld rückt, wird es zuviel. Depressivität macht sich breit. Dann muss ich schnell die Erinnerung an den Tag zurückholen, die Erinnerung an Studenten, die den Gang entlang krauchen. Und dann ist sie da, die Folie, auf der die aktuelle Wahrnehmung diesen kleinen Funken Magie erleuchten lässt. Der Moment, in dem die Luft in Schwingung gerät.

Der Augenblick, in dem ich atemlos dastehe und mich wie eine Eindringling fühle, nur um mit dem nächsten Wimpernschlag an "Ich bin der König der Welt" zu denken.

2008-03-21

Es ist Feiertag.

Es ist Feiertag. Es ist früh am Morgen. Die Straßen sind ruhig. Auch hier im Haus und in der Wohnung ist es ruhig. Es ist hier wohl oft ruhig. Viele haben schon überrascht kundgetan, dass es trotz fehlender Schallschutzfenster so leise sei in meinem Zimmer. ("Schallschutzfenster" klingt in dieser Stille auf einmal so martialisch.)

Doch es fehlt das Hintergrundrauschen. Die Autos, die sonst in einer zähen Masse draußen vorbeiziehen. Heute höre ich jedes Fahrzeug einzeln. Ich höre sogar das Säuseln meines Rechners. Wenn ich in die Küche gehe, versuche ich tunlichst jede knarzende Diele zu vermeiden. Die anderen schlafen noch und selbst das Öffnen der Küchentür lässt mich zusammenzucken ob dem überlauten Klicken. Der Geschirrspüler, sonst ein niedliches, feines Glucksen, drängt sich mir auf, möchte auch mal Krach machen. Aus den anderen Zimmern kommt keine Musik, keine Gesprächsfetzen vom Telefonieren, kein Klackern einer Tastatur, kein Rascheln beim Zusammenlegen der Kleidung.

In diesen Momenten habe ich das Gefühl, allein zu sein in meiner Welt. Es ist ein Gefühl, das nicht zu verwechseln ist mit Einsamkeit. Einsamkeit spüre ich meist dann, wenn ich unter Menschen bin. Wenn ich sie beobachte, meine Wahrnehmung austickt und ich für einen Moment der Überzeugung bin, keine stabile Verbindung zu diesen Menschen zu haben. Heute ist es das erhebende Gefühl des Alleinseins, welches mich in meiner Welt noch ein wenig fester verankert. Es ist eine Stille, die mich selbst zur Ruhe kommen lässt. Die Reize von außen sind auf ein Minimum reduziert. Diese große Stadt mit diesen vielen Menschen hält sich vornehm zurück. In diesem Augenblick kann ich meine Spuren hinterlassen, und zwar so, dass ich sie wiedererkenne, wenn ich das nächste Mal inmitten dieser vielen Menschen in dieser großen Stadt unterwegs bin. Und dann, wenn ich diese Spuren wiedererkannt habe, dann bin ich mit meiner Welt hier noch ein wenig fester verbunden.

2008-03-20

Hader-Nachlese

Der Nächste, der behauptet, Josef Hader sei Kabarettist (Kabarettist! Wie billig das schon klingt!), wird von mir mit 24h Mario Barth gegeißelt.

Dieser Mann macht das beste Ein-Mann-Theater, das mir je untergekommen ist.

2008-03-19

Tourist muss weg.

Der Mann, bei dem ich immer an Elvis Costello denken muss.

Josef Hader. Heute abend. In Begleitung reizender Mitmenschen.

2008-03-13

Geschichten vom Streik IV

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.

Fünf Tage nun habe ich vom Streik so gut wie nichts mitbekommen. Obwohl es an sich recht praktisch ist, zu dieser Zeit krank zu werden, finde ich es dennoch betrüblich. Der Streik erinnert mich daran, dass es in dieser immer mehr als einen Weg gibt, an sein Ziel zu kommen. (Zonenrandgebiete einmal außen vor gelassen. Wer dort hin muss, ist ein armes Schwein.) Naja, dass ich Sreik toll finde, damit hab ich euch ja nun schon oft genug in Augen und Ohren gelegen.

Cut. Berlin. Habelschwerdter Allee.

Die Sonne zwängt sich mühsam durch die Sturmwolken. Ein harscher, scharfer Wind begleitet uns auf unserem Weg zur Universität. Wir, sind eine Gruppe, die sich untereinander nicht kennt. Jeder läuft seinen Weg für sich allein. Hot Chip's No Fit State fließt in meine Gehörgänge. Es ist mein Opener zum heutigen Wandertagssoundtrack. Wir sind ein bisschen wie die Wandervögel damals zur vorletzten Jahrundertwende.