2007-07-05

Hass.

So der Titel eines nicht mehr ganz so taufrischen Films, den ich mir neulich in Form der kleinen Silberscheibe zulegte.

1995 kam "Hass - La Haine" in die Kinos. Ein Film, in dessen Zentrum drei junge Männer aus einem Pariser Vorort stehen. In Szene gesetzt von Mathieu Kassovitz.

Der Film beginnt mit Dokumentarbildern von Demos und Straßenschlachten. Junge Menschen mit Steinen und Mollis auf der einen Seite, Polizisten mit Schutzschild und Schlagstock auf der anderen Seite. Beide Seiten nehmen sich in ihrer Brutaltität nichts. Am Ende dieser Bilder wird eine Nachrichtensprecherin gezeigt, die in wenigen Sätzen von den Ausschreitungen des vorigen Abends berichtet. Die die Anzahl der Verletzten nur auf Seiten der Polizei nennt. Auf Seiten der Demonstranten wird die Anzahl der Festgenommenen genannt.

Die Erzählung zeigt einen Tag, den die drei Freunde Vince, Saïd und Hubert verbringen. Inmitten einer Zeit der Unruhen, der permanenten Auseinandersetzung mit der und Schikane durch die Polizei. Sie alle wohnen noch bei ihren Familien. Ohne Job gibt es auch keine Aussicht, da so bald rauszukommen. Vince (Vincent Cassel) ist zerfressen von der Wut, die in ihm tobt. In einer Szene sieht man ihn vor dem Badezimmerspiegel. "Redest du mit mir? Laberst du mich etwa an?" Er streckt den Arm nach vorne, die Hand zur Waffe geformt. Er geht keiner Konfrontation aus dem Weg, provoziert von sich aus. Ist bei den nächtlichen Unruhen mit dabei, aber haut ab, wenn es eng wird. Saïd (Saïd Taghmaoui) ist kein Kind von Traurigkeit. Er hat immer eine Geschichte auf Lager, kennt alles und jeden im Viertel. Er hält sich von den Ausschreitungen fern, hält nichts von der Gewalt, will aber irgendwie immer mit dabei sein. Hubert (Hubert Koundé) hat in den vergangenen zwei Jahren versucht, sein Leben in die Hand zu nehmen und im Viertel eine Boxhalle eröffnet. In der vorigen Nacht wurde sie im Zuge der Ausschreitungen zerstört, eine Auto in der Halle wurde in Brand gesetzt, alles andere kurz und klein geschlagen. Hubert ist ruhig, kann Mitgefühl und Liebe zeigen, sieht weit genug um zu wissen, dass Hass Hass nach sich zieht und er schnellstens aus dieser Ecke raus muss. Sie alle drei sind Kinder ihres Viertels, eines Viertels, in dem die Arbeitslosigkeit weit über dem Landesdurchschnitt liegt, in dem die Versprechungen der Politik im puren Zynismus untergehen, in dem das Leben nur im Hier und Jetzt stattfinden kann, weil für alles andere der Halt und die Vorbilder fehlen.

Vor zwei Tagen ist Abdel, ein Freund der drei, von der Polizei ins Koma geprügelt worden. Für Vince ist dies die Möglichkeit, seinen Hass gegenüber der Polizei konkret fassen zu können. Wenn Abdel stirbt, will er die Balance wieder herstellen. Mit einer von einem Polizisten verlorenen Waffe. Aber eigentlich geht es um einen Tag, den drei Jungs aus einem Ghetto genannten Viertel versuchen, irgendwie rumzukriegen. Der Film zeigt die Langeweile, das Warten auf Irgendetwas. Der Film zeigt die drei jungen Männer, die mit ihren unterschiedlichen Charakteren aneinander gebunden sind. Die Erkenntnis, dass man sich nicht nur seine Familie, sondern auch seine Freunde nicht aussuchen kann, findet hier ihren Ort.

Beeindruckend ist die Differenziertheit, mit der die Ereignisse, die handelnden Personen, ihre Motivation und ihre Taten, dargestellt werden. Es geht nicht nur um "soziale Außenseiter versus Polizei". Es geht genauso um all die 'internen' Konflikte. Sie alle versuchen, ihren Arsch an die Wand zu kriegen, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren.


(DirektHass)

Kommentare:

Cosmo Croc! hat gesagt…

Jepp, super geiler Film.
Ich finde einer der besten überhaupt.

Kannst du dich noch an diesen Post erinnern ?

cu

miss sophie hat gesagt…

"Hass" ist ganz großes Herrentennis. Auf jeden Fall. Frag mal den Björn, den nerv ich seit Tagen mit dem Film... :-)

An den Post konnte und kann ich mich nicht erinnern, denn damals kannte ich dich noch gar nicht :-).
Aber ja: guter und wichtiger Hinweis, den du da bringst. Vor allem, dass der Glaube an die Idee einer Freiheit eines der grundlegenden Motti (beklopptes Wort, aber hey) für unser aller Handeln im Alltag sein sollte.
Auch wenn man hingehen könnte und sagen: die Idee der Freiheit ist nichts anderes als ein Begriff von Freiheit und somit wiederum diskursiv geprägt und also wieder nur purer Determinismus.
Aber: Wir haben die Wahl, trotz allem.

(Als ordentlicher Geisteswissenschaftler kann ich jetzt natürlich nicht anders als über mich selbst zu reflektieren und den Pathos des Geschriebenen zu erwähnen und über ihn zu schmunzeln)

Cosmo Croc! hat gesagt…

* ROFL

schtoeffie hat gesagt…

Ich glaube, diesen Film habe ich im Rahmen eines Filmkunstfestivals mit meinem Französischkurs im Kino gesehen. Sicher bin ich mir nicht mehr. Allerdings fand ich den Film damals absolut grandios. Und vor diesem Festival lief der auch mal auf Arte und da war ich auch schon fasziniert. Ich fürchte, um endgültige Klärung zu finden, musst du mir mal diese Silberscheibe ausborgen.

Cosmo Croc! hat gesagt…

@ schtoeffie

Wenn du ihn grandios fandest, muss es dieser Film gewesen sein. *g

Allein die Szene mit dem Kerl auf der Toilette, der die Geschichte von dem Tramper auf dem Viehwagen erzählt.
Der will nach der Pinkelpause wieder auf den Zug aufspringen, und jedes mal, wenn er ihn fast erreicht hat, rutscht gerade wieder seine Hose runter, und der Typ stolpert.

Best ever !