2009-01-17

Pro Reli? Oder doch lieber Pro Selber Nachdenken?

In Berlin läuft gerade die Kampagne "Pro Reli!". Sie hat zum Ziel, dass in den Schulen wieder sowohl Religion als auch Ethik parallel als Schulfach angeboten wird und die Schüler selbst entscheiden können sollen, was sie wählen. Kurz zum Hintergrund, weshalb es in Berlin keinen Religionsunterricht gibt - im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern.
Im Grundgesetz, Artikel 141 wird ein Sonderstatus für Berlin und Bremen festgelegt:
"Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 findet keine Anwendung in einem Lande, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand."
GG Art. 7, Abs. 3, S. 1 besagt: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach."
Für Berlin besteht demnach keine gesetzliche Pflicht, Religion anzubieten. Es wurde bis 2006 freiwillig angeboten und dann durch das gemeinsame Fach Ethik ersetzt.

Die Schüler sollen nun also wieder selbst entscheiden können. Klingt gut, nich? Im Anliegen von Pro Reli heißt es u.a. "Daher muss ein auf die ethische und moralische Bildung junger Menschen ausgerichteter Unterricht nach deren Grundüberzeugungen differenzieren." Und genau hier frage ich mich: Wie ausgeprägt bzw. wie bewusst und reflektiert sind die Grundüberzeugungen eines 11- bis 12-jährigen, wenn er/sie am Beginn der 7. Klasse zwischen Ethik und Religion wählt? Sind es wirklich die Grundüberzeugungen der Schüler oder nicht doch eher der Familie/ des Umfeldes, in dem der Schüler lebt?
Der Schlusssatz des Anliegens lautet: "Gleich ob evangelische oder katholische Christen, Moslems, Juden oder überzeugte Atheisten, sie alle sollen und müssen die Möglichkeit erhalten, die Grundlagen ihrer eigenen[!] Überzeugung kennen zu lernen und damit das eigentliche Fundament ihrer ethischen und moralischen Vorstellungen zu legen." (Hervorhebungen von mir)

Sorry, aber hier entlarvt sich die Initiative selbst. Wem daran gelegen ist, dass Kinder und Jugendliche selbstbestimmt ihre weltanschaulichen Grundlagen legen, der muss den Schülern die Möglichkeit geben, die verschiedenen Weltanschauungen und Religionen differenziert und möglichst in einem neutralen Umfeld kennenzulernen, um sich auf dieser differenzierten Basis zu entscheiden. Das beinhaltet auch, die Überzeugungen des privaten Umfeldes überhaupt erstmal als solche zu identifizieren und desweiteren distanziert und in Relation zu den anderen Anschauungen betrachten zu können. Alles andere ist Beeinflussung durch Familie/ privates Umfeld und nur eine andere Form von Bevormundung.

Und das ist genau der Punkt. Die Initiative wirbt damit, die Bevormundung der Schüler durch den Staat (aka Berliner Senat) aufheben zu wollen. Aber was kommt anstelle dessen? Ich will gar nicht bestreiten, dass es Kinder gibt, die im Übergang von der 6. zur 7. Klasse bereits in ihrem Glauben stehen und mit Toleranz anderen Menschen (aka Anschauungen) gegenübertreten. Aber ich behaupte, diese Herangehensweise an Menschen mit anderen Überzeugungen (anderem Aussehen, anderen Fähigkeiten, whatever) ist stark bedingt durch eine entsprechende Erziehung. Nicht die Religion per se oder das Wissen um seine eigene Religion (wie die Initiative übrigens in einem Werbespot behauptet) macht Menschen tolerant. Es sind vermittelte und vorgelebte Werte und Normen, die das eigene Handeln beeinflussen.

Dies wird (und muss laut Grundgesetz) sicher auch im Religionsunterricht vorgelebt und vermittelt werden. Aber gehen wir mal einen Schritt weiter. In Deutschland gibt es nicht nur die Menschen christlichen Glaubens, sondern auch jüdische, islamische (um mal die Großen zu nennen) und ebenso diejenigen, die komplett ohne Religion aufwachsen und leben. Die Initiative umfasst all diese Richtungen - das muss man der Initiative auch mal zu Gute halten. Aber wie sieht die Konsequenz in Schulalltag aus? Für 2 Stunden die Woche werden die Klassen in 4 oder mehr Gruppen aufgeteilt. Dort kocht dann jeder sein eigenes Süppchen und am Ende treffen alle wieder im Schulhof aufeinander.

Der Schritt, den der Berliner Senat 2006 ging, mit einem Fach Ethik alle Schüer in einen Klassenraum mit angeleiteter Diskussion durch den Lehrer zu bringen, war ein fortschrittlicher. Es wird nach wie vor niemand an der Ausführung seiner Religion gehindert. Aber es wird jeder in der gemeinsamen Entwicklung von interkultureller Kompetenz gefördert.

Wenn ich mir so Bewegungen wie die Neue Bürgerlichkeit oder die Forderung der CDU/CSU, den christlichen Glauben im Grundgesetz zu verankern, oder jetzt eben Pro Reli anschaue, dann wird für mich nur eins deutlich: Das Gefühl ist ein weitverbreitetes, dass in unserer Gesellschaft sinnvolle und friedenserhaltende Werte und Normen als Handlungsansweiser im Alltag verloren gehen. Hier aber muss eine Diskussion ansetzen, die Ethik und Moral über die Glaubensgrenzen hinweg und für alle Menschen gleichermaßen behandelt. Wir leben in einem Umfeld der Pluralität und auf einem Fundament von Demokratie, Gleichheit und Toleranz.

Zig verschiedene Religionsfächer anzubieten, ist nur eine Scheingleichbehandlung. Zig verschiedene Religionsfächer ermöglichen es nicht, allen Schülern gleichberechtigt und in gleichem Maße das gleiche Wissen zu vermitteln. Das aber muss passieren, wenn wir unser Grundgesetz wirklich ernstnehmen und Gleichberechtigung sowie freie Entfaltung der Persönlichkeit das große Ziel ist.

Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Er: "Ich bin protestantisch."
Ich: "Ich bin katholisch, so auf 'm Papier."
Sie: "Ich bin nicht getauft und sowieso Atheist."
Sie: "Ich bin auch katholisch."
Ihr 8jähriger Sohn: "Ich bin Lebenskunde."

Hell, yeah!

Adrian Lang hat gesagt…

„Für Berlin besteht demnach keine gesetzliche Pflicht, Religion anzubieten. Es wurde bis 2006 freiwillig angeboten und dann durch das gemeinsame Fach Ethik ersetzt.“

Das stimmt nicht ganz. Es gibt immer noch Religionsunterricht, allerdings ist die Teilnahme freiwillig, wie früher, aber im Gegensatz zu Ethik. Aber auch Ethik ist kein ordentliches Lehrfach.

Zu deinen Bedenken über die Entscheidungsfähigkeit junger Menschen: In Deutschland wird die volle Religionsmündigkeit mit 14 erreicht, vorher dürfen sowieso die Eltern entscheiden. Das ist allerdings bewusst so gewollt, leider.

Mein Hauptpunkt allerdings ist, dass Ethik eben nicht der vergleichende Unterricht ist, wie du ihn hier darstellt. Pro Reli schlägt vor, 25% des Religons-/Ethikunterrichts mit explizit vergleichenden Inhalten zu füllen – damit sind sie weiter als der aktuelle Ethikunterricht. Diese vergleichenden Unterrichtsteile sollen auch gemeinsam stattfinden.

Andere aus meiner Sicht positiv zu bewertende Ziele von Pro Reli ist die Verbesserung der Stellung der Religionslehrer und Religions-/Ethikunterricht ab der 1. Klasse.

Deinen letzten beiden Absätzen kann ich aber voll zustimmen. Pro Reli kommt aus einer sehr dubiosen, nicht eben progressiven Ecke.

Gruß,
Adrian

miss sophie hat gesagt…

Adrian, vielen Dank für die Zusatzinfos.
Was den konkreten Anteil von Religion angeht: Ich habe zunächst mal "nur" den Rahmenplan für mich berücksichtigt. Bei weitergehenden Aussagen "Ist schon genug" vs. "Da fehlt noch was" bin ich momentan vorsichtig, was deren Beurteilung angeht. Zu sehr können sich da allein die Ausführungen an den Schulen schon unterscheiden, von Stimmungsmache im Rahmen des Volksbegehrens mal ganz abgesehen.

Was meinst'n du mit "vorher dürfen sowieso die Eltern entscheiden. Das ist allerdings bewusst so gewollt, leider"? Bei dem Punkt, dass Kinder ab 14 religionsmündig sind.

Adrian Lang hat gesagt…

Ich bezog mich auf deine Kritik, dass freie Wahl selten die freie Wahl der Schüler wäre. Das ist vom Gesetzgeber bis 14 gar nicht wirklich gewünscht. Allerdings hast du Recht, dass es auch Pro Reli nicht wirklich darum gehen kann, entsprechend passt deine Kritik doch wieder.

Naja, wie ich schon auf Twitter sagte: Das was da in Ethik verkauft wird lässt wirklich den Wunsch entstehen, dem eigenen Unterricht entgegensetzen zu dürfen. Aber wahrscheinlich wäre eine Verbesserung des Ethikunterrichts ein besserer Weg.

Übrigens, Pro Reli selbst gibt zu, dass außer katholischem und evangelischem Unterricht wohl kein eigener Religionsunterricht für eine andere Weltanschauungsgruppe zusammenkommen würde.

Wolltest du nicht eigentlich mal über Theater 2.0 bloggen?

miss sophie hat gesagt…

Eine Veränderung der Gewichtung wäre m.E. auch völlig ausreichend - bzw. eine Veränderung dahingehend, Religion in den ersten beiden Jahren stärker einzubinden, damit dann eben mit dem 14. Geburtstag wirklich ein Fundament gegeben ist, auf dem die Jugendlichen sich einen eigenen Standpunkt bilden können.

und zum Theater2.0: nee, wollt ich nie drüber bloggen. Da verwechselste mich bestimmt mit jemand anderem vom barcamp.

Spaghettimonster hat gesagt…

"Religion gehört in die Kirche, nicht in die Schule" - immer noch ein sehr wahrer Spruch

Anonym hat gesagt…

Mir ist ja noch ein anderer Punkt wichtig ;o) der kaum kommuniziert wird...
Die Aufklärung über vielfältige Lebensweisen und Identitäten kann in einem "Lebenskunde"-Unterricht gut im Dialog und ohne negative "Be/Verurteilung" erfolgen. Auch weil es besser ist, z.B. das Thema Homosexualität nicht nur im Biologieunterricht mit einer Form der Sexualitätspraxis zu "erwähnen".

Wie soll unvoreingenommen im Religionsunterricht behandelt das behandelt werden??? Warum muss an der Schule in der jeweilige nReligionspraxis "unterrichtet" werden??? Was nicht fremd bleibt, kann mit Respekt begegnet werden. Na ich bin richtisch verärgert wa? ... Kann nur "beten" Andrea